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Kolumnisten spüren den Grenzen nach

Sechs bekannte Kolumnisten und drei Slammer trafen sich zur ersten «Kolumination» auf dem Säntis und brachten ihre Gedanken zum Thema «Grenzen» zu Papier. Für sein jahrelanges, erfolgreiches «kolumnistisches» Schaffen geehrt wurde Beat Kappeler.

«Demokratie braucht Diskussion, den belebenden Disput» – so eröffnete Hans Höhener, Präsident des Verein Kolumination, die erste Kolumination auf dem Säntis, dem «schönsten, vielleicht sogar das schönste Gebirgsstück der Erde,» wie ein Geologe gemäss Höhener vor 100 Jahren schrieb. Höhener, charmant und gewieft, erklärte den aus dem Ausland angereisten Teilnehmenden während den zwei Tagen auch viele Eigentümlichkeiten und Eigenheiten des Appenzellerlandes und des Säntis. Hanspeter Trütsch, der Tages-Moderator, durfte anschliessend sechs bestens bekannte und erfahrene Kolumnisten zur ersten «Kolumination» auf dem Gipfel des Säntis begrüssen und interviewen. Auch sie seien Gipfelstürmer, Meister jenes meinungsbildenden Kleinods namens Kolumne, die jeder Zeitung, jeder Zeitschrift Gesicht und Würze geben.

«Seifenblasen» und Schreck-Mümpfeli
Matthias Flückiger führte witzig in die historische Kolumne ein und las Kraus, Tucholski, Alfred Polgar, Altenburg, Anton Kuh, Joseph Roth und Kolumnen von anderen, längst verstorbenen Kolumnisten, deren Texte aber noch lebendig und immer noch nachhallen. Eine davon handelte von «Seifenblasen» und wurde von Joseph Roth verfasst. Darin vergleicht Roth die schönen, farbigen «Seifenblasen» der Kinder mit den Seifenblasen der Politiker – wie die «Seifenblase» von Brest-Litowsk oder Woodrow Wilsons Rede in Versailles nach dem Ende des ersten Weltkrieges. Nachts um halb zehn, auf der Rückfahrt zur Talstation las Matthias Flückiger dann noch ein «Schreck-Mümpfeli» - eine schauerlich, mulmig schöne Gute-Nacht-Geschichte in der dunklen Schwebebahn-Kabine, die sogar angehalten wurde.

Aufforderung zum Nachdenken
Ob «Urnen-Tourismus in die Schweiz» und «Feuerzeuge im Handgepäck» (Harald Martenstein), der Unterschied zwischen «Laufen und Laufen» in Vorarlberg und Wien (Doris Knecht), die Scham der Schweizer beim Hochdeutsch-Sprechen unter Deutschen (Doris Althaus), Grenzen zwischen politischen Ansichten und der Tank-Tourismus (Rainer Erlinger), wie ein Dorf in Transsilvanien näher liege als der Block um die Ecke (Doris List) oder über die Erziehung von Enkeln (Katja Früh) – sämtliche Meinungsbeiträge überzeugten, erregten die Lachmuskeln oder forderten zum Nachdenken auf. Der Start der ersten «Kolumination», so waren sich die über siebzig Teilnehmenden überzeugt, war schon nach dem ersten Tag gelungen.

Slammer ohne Nachtruhe
Den Samstagmorgen bestritten die drei Slammer Stefan Abermann (A), Christian Kreis (D) und Etrit Hasler (CH), die von Wolfgang Heyer humorvoll, professionell und Slam-mässig vorgestellt und anmoderiert wurden. Die Slammer hatten die Aufgabe, neben einem eigenen Text, aus zwei – zum Teil heiklen - Themen, die ihnen die Teilnehmenden am Vorabend gestellt hatten, eines auszuwählen und über Nacht einen Slam zu schreiben. Alle drei wirkten zwar übermüdet – aber nicht bei ihrem Vortrag: sie erfüllten die schwierige Aufgabe mit Herzblut, Engagement und Bravour und unter tosendem Applaus der begeisterten Zuhörer. Ebensolchen Applaus erhielt das Trio «Anderscht», das Welt- und Appenzellerklänge einmal anders, eben «anderscht», vortrugen.

Beat Kappeler erster Preisträger der «Kolumination»
Diese neue Veranstaltung vergab auch erstmals den «Preis der Kolumination» an Beat Kappeler, dessen Lebensleistung, so Laudator Gerhard Schwarz, «Anerkennung weit über die Grenzen der kleinen Schweiz hinaus» verdiene. Seine Kolumnen, so Schwarz weiter, zeige sich nicht in deftigen Worten, sondern mehr «in der Unverblümtheit, Direktheit, ja Schonungslosigkeit des durchaus sachlichen Urteils.» Seine Leidenschaft für Kolumnen zeige sich auch in der Menge seiner Meinungsbeiträge: allein in der NZZ am Sonntag (NZZaS) hat Kappeler 860 Kolumnen in sechzehn Jahren geschrieben. Schwarz übergab Beat Kappeler unter dem grossen Beifall des Publikums die von Herbert Meusburger, Bregenzerwald, geschaffene Skulptur «Knoten». Seine Dankes-Kolumne, erschienen in der NZZaS im vergangenen Jahr, befasste sich mit dem Thema «Rasse», einer Grenze, die nie überschritten werden dürfe. Die Behörden der Vereinigten Staaten, so Kappeler nach seinen Recherchen, würden die Einwohner, die Bürger ganz offiziell in „race“ und „ethnicity“ einteilen. «Was vielleicht nach der Sklavenbefreiung noch ermuntern sollte, doch weiterhin ein bisschen zu diskriminieren, ist unterdessen zur Handhabe der vielen Förderungs- und Gleichstellungsprogramme geworden».

Gelungene Premiere – nachzulesen im Orte-Verlag
Alle die dabei waren, waren sich einig – das Format der «Kolumination» ist gelungen und hat Zukunft, eine Zukunft, die bereits nächstes Jahr wieder im Oktober (wieder auf dem Säntis?) Gegenwart werden wird. Ermöglicht wurde diese Veranstaltung dank vielen Appenzeller Stiftungen, der IBK/Interreg und weiteren Sponsoren sowie den Verlagen von NZZ, Tagblatt, Schwäbische Zeitung und Vorarlberger Nachrichten. Sämtliche Kolumnen wird der Orte-Verlag in einem kleinen Büchlein Ende November herausgeben.

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Kolumnisten spüren den Grenzen nach
**Sechs bekannte Kolumnisten und drei Slammer trafen sich zur ersten «Kolumination» auf dem Säntis und brachten ihre Gedanken zum Thema «Grenzen» zu Papier. Für sein jahrelanges, erfolgreiches «kolumnistisches» Schaffen geehrt wurde Beat Kappeler.** «Demokratie braucht Diskussion, den belebenden Disput» – so eröffnete Hans Höhener, Präsident des Verein Kolumination, die erste Kolumination auf dem Säntis, dem «schönsten, vielleicht sogar das schönste Gebirgsstück der Erde,» wie ein Geologe gemäss Höhener vor 100 Jahren schrieb. Höhener, charmant und gewieft, erklärte den aus dem Ausland angereisten Teilnehmenden während den zwei Tagen auch viele Eigentümlichkeiten und Eigenheiten des Appenzellerlandes und des Säntis. Hanspeter Trütsch, der Tages-Moderator, durfte anschliessend sechs bestens bekannte und erfahrene Kolumnisten zur ersten «Kolumination» auf dem Gipfel des Säntis begrüssen und interviewen. Auch sie seien Gipfelstürmer, Meister jenes meinungsbildenden Kleinods namens Kolumne, die jeder Zeitung, jeder Zeitschrift Gesicht und Würze geben. **«Seifenblasen» und Schreck-Mümpfeli** Matthias Flückiger führte witzig in die historische Kolumne ein und las Kraus, Tucholski, Alfred Polgar, Altenburg, Anton Kuh, Joseph Roth und Kolumnen von anderen, längst verstorbenen Kolumnisten, deren Texte aber noch lebendig und immer noch nachhallen. Eine davon handelte von «Seifenblasen» und wurde von Joseph Roth verfasst. Darin vergleicht Roth die schönen, farbigen «Seifenblasen» der Kinder mit den Seifenblasen der Politiker – wie die «Seifenblase» von Brest-Litowsk oder Woodrow Wilsons Rede in Versailles nach dem Ende des ersten Weltkrieges. Nachts um halb zehn, auf der Rückfahrt zur Talstation las Matthias Flückiger dann noch ein «Schreck-Mümpfeli» - eine schauerlich, mulmig schöne Gute-Nacht-Geschichte in der dunklen Schwebebahn-Kabine, die sogar angehalten wurde. **Aufforderung zum Nachdenken** Ob «Urnen-Tourismus in die Schweiz» und «Feuerzeuge im Handgepäck» (Harald Martenstein), der Unterschied zwischen «Laufen und Laufen» in Vorarlberg und Wien (Doris Knecht), die Scham der Schweizer beim Hochdeutsch-Sprechen unter Deutschen (Doris Althaus), Grenzen zwischen politischen Ansichten und der Tank-Tourismus (Rainer Erlinger), wie ein Dorf in Transsilvanien näher liege als der Block um die Ecke (Doris List) oder über die Erziehung von Enkeln (Katja Früh) – sämtliche Meinungsbeiträge überzeugten, erregten die Lachmuskeln oder forderten zum Nachdenken auf. Der Start der ersten «Kolumination», so waren sich die über siebzig Teilnehmenden überzeugt, war schon nach dem ersten Tag gelungen. **Slammer ohne Nachtruhe** Den Samstagmorgen bestritten die drei Slammer Stefan Abermann (A), Christian Kreis (D) und Etrit Hasler (CH), die von Wolfgang Heyer humorvoll, professionell und Slam-mässig vorgestellt und anmoderiert wurden. Die Slammer hatten die Aufgabe, neben einem eigenen Text, aus zwei – zum Teil heiklen - Themen, die ihnen die Teilnehmenden am Vorabend gestellt hatten, eines auszuwählen und über Nacht einen Slam zu schreiben. Alle drei wirkten zwar übermüdet – aber nicht bei ihrem Vortrag: sie erfüllten die schwierige Aufgabe mit Herzblut, Engagement und Bravour und unter tosendem Applaus der begeisterten Zuhörer. Ebensolchen Applaus erhielt das Trio «Anderscht», das Welt- und Appenzellerklänge einmal anders, eben «anderscht», vortrugen. **Beat Kappeler erster Preisträger der «Kolumination»** Diese neue Veranstaltung vergab auch erstmals den «Preis der Kolumination» an Beat Kappeler, dessen Lebensleistung, so Laudator Gerhard Schwarz, «Anerkennung weit über die Grenzen der kleinen Schweiz hinaus» verdiene. Seine Kolumnen, so Schwarz weiter, zeige sich nicht in deftigen Worten, sondern mehr «in der Unverblümtheit, Direktheit, ja Schonungslosigkeit des durchaus sachlichen Urteils.» Seine Leidenschaft für Kolumnen zeige sich auch in der Menge seiner Meinungsbeiträge: allein in der NZZ am Sonntag (NZZaS) hat Kappeler 860 Kolumnen in sechzehn Jahren geschrieben. Schwarz übergab Beat Kappeler unter dem grossen Beifall des Publikums die von Herbert Meusburger, Bregenzerwald, geschaffene Skulptur «Knoten». Seine Dankes-Kolumne, erschienen in der NZZaS im vergangenen Jahr, befasste sich mit dem Thema «Rasse», einer Grenze, die nie überschritten werden dürfe. Die Behörden der Vereinigten Staaten, so Kappeler nach seinen Recherchen, würden die Einwohner, die Bürger ganz offiziell in „race“ und „ethnicity“ einteilen. «Was vielleicht nach der Sklavenbefreiung noch ermuntern sollte, doch weiterhin ein bisschen zu diskriminieren, ist unterdessen zur Handhabe der vielen Förderungs- und Gleichstellungsprogramme geworden». **Gelungene Premiere – nachzulesen im Orte-Verlag** Alle die dabei waren, waren sich einig – das Format der «Kolumination» ist gelungen und hat Zukunft, eine Zukunft, die bereits nächstes Jahr wieder im Oktober (wieder auf dem Säntis?) Gegenwart werden wird. Ermöglicht wurde diese Veranstaltung dank vielen Appenzeller Stiftungen, der IBK/Interreg und weiteren Sponsoren sowie den Verlagen von NZZ, Tagblatt, Schwäbische Zeitung und Vorarlberger Nachrichten. Sämtliche Kolumnen wird der Orte-Verlag in einem kleinen Büchlein Ende November herausgeben.
Kolumnisten-Festival auf dem Säntis
**Sechs bekannte Kolumnisten und drei Slammer treffen sich zur ersten «Kolumination» auf dem Säntis. ** Das hat es noch nie gegeben: Auf dem Säntis, diesem markanten Berg hoch über dem Bodenseeraum, versammeln sich Ende Oktober die herausragende deutschsprachige Kolumnisten. Auch sie sind Gipfelstürmer, Meister jenes meinungsbildenden Kleinods namens Kolumne, die jeder Zeitung, jeder Zeitschrift Gesicht und Würze geben. «Kolumination» heisst die Veranstaltung der Sprachakrobaten journalistischer Miniaturen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich. Es sind Namen, die der zeitungslesenden Bevölkerung ihrer Herkunftsländer bekannt sind wie der Säntis unter den Alpinisten. Auf dem Gipfel auftreten wird etwa das Multitalent Katja Früh, Schauspielerin, Regisseurin, Dramaturgin und Head-Autorin von TV-Erfolgsserien wie «Lüthi & Blanc» oder «Der Bestatter». Sie kolumniert seit Jahren im renommierten Zürcher «Tages-Anzeiger-Magazin». Am meisten Reaktionen erhält sie, wenn sie sehr persönlich wird. Etwa Ratschläge gibt an ihre Enkel. Oder Melania Trumps fiktives Tagebuch zu Papier bringt. Oder Nicole Althaus, landessweit bekannt als Mama-Bloggerin, einer journalistischen Innovation für die sie zur Schweizer Journalistin des Jahres erkürt worden ist. Ihre Kolumnisten-Tätigkeit pendelt, wie sie sagt, zwischen zwei Fixpunkten: die Inspiration holt sie sich «vorab aus dem Leben», und, wohl weil dieses so uferlos und prall ist, liefert sie stets erst «kurz vor dem Abgabetermin». Ähnliche Kolumnisten-Kaliber reisen auch aus unseren Nachbarländern auf den Säntis zur «Kolumination». Aus Österreich: Doris Knecht, eine gebürtige Voralbergerin, die nicht nur im Lokalblatt vor Ort einst Kolumnen zu Papier gebracht hat, sondern in Österreich auch für den «Falter», den «Kurier», den «Standard» oder auch für den Zürcher «Tages Anzeiger». Und auch Hans Rauscher, der von sich selber sagt, er sei unheilbarer Wiener geblieben und vielleicht deshalb im dort erscheinenden «Standard» seine politische Kolumne «RAU» publiziert. Aus Deutschland: Harald Mertenstein, der schreibt, was das Zeug hält. Artikel im Berliner Tagesspiegel. Romane und Reportagen im Buchformat. Und Kolumnen für das Intellektuellen-Blatt «Die Zeit». Und Rainer Erlinger, ein Mann der aus der Wissenschaft kommt, Mediziner und Jurist, der seit Jahren im Magazin der «Süddeutschen Zeitung» seine Kolumne «Gewissensfrage» publiziert. Die Veranstaltung «Kolumnation», an der neben Kolumnistinnen und Kolumnisten auch Slammer auftreten, findet am Freitag/Samstag 25./26. Oktober 2019 auf dem Säntis statt. Programm, Preise und Anmeldeformular finden Sie auf kolumination.ch.
Kolumnisten-Festival mit Alder Buebe und mit Wechsel im Programm
Die Alder Buebe umrahmen die 1. KOLUMINATION am Freitag, 25. Oktober auf dem Säntis. Hans Rauscher, Der Standard, Wien muss aus persönlichen Gründen seinen Auftritt absagen. Heidi List, Magazin Falter, Wien, springt für Rauscher ein. Hans Rauscher kann aus privaten Gründen am 25. Oktober nicht am Kolumnisten- und Slammer-Festival «Kolumination» auf dem Säntis teilnehmen. Seine Stelle wird eine prominente Kolumnistin und Autorin einnehmen: Heidi List aus Wien. **Kolumnistin und Autorin** Heidi List ist freie Autorin und Kulturmanagerin. Sie publiziert im Falter, Wiener, Der Standard, Ooom, Carpe Diem und Bergwelten. Zudem verfasste sie Textbeiträge in mehreren Anthologien, unter anderem 2018 die Veröffentlichung «Im Namen des Panda - 55 Jahre WWF». Sie ist Redaktionsmitglied der ORF Late-Night Sendung «Willkommen Österreich» mit Dirk Stermann und Christoph Grissemann. **Appenzeller Musikdynastie auf dem Säntis** Mit den Alder Buebe konnten die Organisatoren eine weit über die Landes-Grenzen hinaus bekannte Formation für die KOLUMIATNION verpflichten. Die Kapelle Alderbuebe basiert auf der über 130 Jahr langen Tradition der berühmten Appenzeller Musikdynastie Alder aus Urnäsch. Die Formation besteht aus vier Musikern, welche traditionelle sowie bekannte und beliebte Klänge aus anderen Kulturen spielen. Die Alder Buebe werden die Veranstaltung am Freitagnachmittag musikalisch umrahmen. Am Samstag wird die Veranstaltung durch das Trio Anderscht musikalisch begleitet. **Kolumination – neu- und einzigartig** Die Kolumination mit der historischen, geschriebenen und gesprochenen Kolumne ist neu und einzigartig. Sechs Kolumnisten und drei Slammer treten am 25./26. Oktober auf dem Säntis zu einem vergnügten Lesen, Lauschen und Lachen auf. Mit dem Preis der Kolumination wird der langjährige NZZ am Sonntag-Kolumnist, Beat Kappeler, durch Gerhard Schwarz geehrt. Anmeldungen unter www.kolumination.ch
Interview mit Stefan Abermann
Wann und wo schreiben Sie Ihre Texte meistens? Am Computer, zu Hause. Ich notiere aber viel unterwegs elektronisch am Handy. Woher holen Sie die Inspirationen für Ihre Texte? Von überall – dem Alltag, der Politik, der Gesellschaft. Oft reagiere ich aber auch auf vorgegebene Themen – bei dem Slam, den ich in Innsbruck mitorganisiere, geben wir meistens Themen für alle vor, die ich dann natürlich auch bearbeiten muss. Setzen Sie Social Media zur Verbreitung Ihrer Texte ein? Eher selten. Ich bin vielleicht zu früh geboren, um Social-Media virtuos zu bedienen. Trägt Slam Poetry mit ihrer Zuspitzung, ihrer Pointierung und oft auch Provokation zur Polarisierung bei? Mit anderen Worten: verträgt sich Slam Poetry mit differenzierten, abgewogenen mittleren Positionen? Ich befürchte hier schlägt die Bewertungssituation dem Slam manchmal ein Schnippchen: Natürlich wollen die Teilnehmenden dem Publikum gefallen, darum sind es gerade die kontroversen Positionen, die oft zu kurz kommen. Das Slam-Publikum ist (zumindest in Österreich) eher links eingestellt, darum entsprechen viele Texte auch dem linken Mainstream. Aber hier reagieren die Auftretenden oft auf das Publikum. Insofern habe ich nicht das Gefühl, dass die Polarisierung eine Auswirkung der Slamtexte ist – Das Publikum kommt schon vorsortiert bei der Veranstaltung an. Persönlich würde ich mir aber durchaus wünschen, dass die Texte mehr machen als nur vorgefasste Meinungen zu bedienen. Es wird aber auch immer schwerer, den jeweiligen «Bias» kreativ herauszufordern. Müssen gute Slam-Texte kurz sein oder können sie auch länger sein? Die grundlegende Frage ist für mich eher: Was macht denn den Slamtext eigentlich aus? Eigentlich nur die Tatsache, dass er verpflichtend live vorgetragen werden muss. Insofern finde ich, dass ein guter Slamtext vor allem diese Live-Situation «mitdenkt», d.h. dass sie schon im Schreibprozess reflektiert und antizipiert wird. Insofern ist die Länge nicht entscheidend, sondern die Performance. Wie erklären Sie sich den Erfolg von Poetry Slam? Die Spontaneität, die Live-Atmosphäre, die leichte Konsumierbarkeit und die generelle Tendenz unserer Gesellschaft, Inhalte gern in kleinen Häppchen zu konsumieren, tragen sicher zum Erfolg bei. Aber vor allem ist es wahrscheinlich die Ausrichtung auf das Publikum: Man gibt sich hier Mühe, das Publikum zu unterhalten und zu gefallen – mit allen Vor- und Nachteilen.
«Gender und Feminismus-Kolumnen lassen die Wellen höherschlagen»
Ein Interview von Gerhard Schwarz, Publizist, mit Harald Martenstein, Kolumnist DIE ZEIT und Redaktor Tagesspiegel, Berlin, aus Anlass der ersten «Kolumination» - dem Kolumnisten-Treffen auf dem Säntis, Schweiz. Wann und wo schreiben Sie Ihre Kolumne meistens? Am liebsten vormittags und zu Hause. Ausgeruht, in gewohnter Umgebung. Woher holen Sie die Inspirationen für die regelmässigen Kolumnen? Wenn ich das wüsste! Es muss wohl das Leben als solches sein. Emotionen helfen, die machen produktiv, das gilt nicht nur für Ärger, auch für Freude, Trauer oder Staunen. Ich muss allerdings ein wenig Abstand gewinnen, es ist nicht gut, sich allzu aufgewühlt oder wütend an die Arbeit zu machen. Auf welche Ihrer Kolumnen hatten Sie die heftigsten Reaktionen, mit welchem Thema haben Sie die Erregung am stärksten getroffen? Man weiss es vorher nie. Gender und Feminismus lassen die Wellen natürlich immer hochschlagen, vor allem, wenn man sich darüber lustig macht. Auch wer irgendwas an dem vorzüglichen, vorbildlichen Islam auszusetzen hat, sollte sich warm anziehen. Islam ist nämlich eine Rasse, deshalb läuft Islamkritik unter „Rassismus“. Aber auch eine Kolumne darüber, dass ich im Garten gern Schnecken töte, die mir das Gemüse wegfressen, hat bei manchen das Blut zum Kochen gebracht. Viele Kolumnisten sind nicht Journalisten, sondern „Quereinsteiger“. Haben sie den Journalisten unter den Kolumnisten etwas voraus und wenn ja was? Nicht in das in Deutschland meinungsmässig relativ homogene Journalistenmilieu eingebunden zu sein, kann sicher ein Vorteil sein. Allerdings haben Journalisten eine gewisse Schreibroutine. Die sind es gewöhnt, Längenvorgaben und Abgabetermine einzuhalten. Der grösste Fehler eines Kolumnisten, das, was wirklich niemand verzeiht: den Text öfter mal nicht rechtzeitig zu liefern. Oft werden ältere Journalisten zu Kolumnisten. Ist das eine Art Altenteil, indem man nicht mehr so viel recherchieren muss und locker vom Hocker alles schreiben kann? Ich sehe ziemlich viele junge Kolumnisten, wenn ich mich umschaue. Natürlich sollte man „alles“ schreiben dürfen. Was natürlich nicht wirklich der Fall ist, aber wenn die Freiheit nicht relativ gross ist, hat es keinen Zweck, dann muss man das Medium wechseln. Bei der ZEIT gibt es einen harten Faktencheck, vor allem bei mir (ich beneide die weit links stehenden Kollegen, die scheinen tatsächlich nicht immer recherchieren zu müssen). Tragen Kolumnen mit ihrer Zuspitzung, ihrer Pointierung und oft auch Provokation zur Polarisierung bei? Mit anderen Worten: vertragen sich Kolumnen mit differenzierten, abgewogenen mittleren Positionen? Natürlich. Der Text sollte im Idealfall originell sein, radikal muss er wirklich nicht sein. Provokation und Polarisierung sind allerdings in einer Demokratie legitim, wozu haben wir denn sonst Meinungsfreiheit? Streit ist gut. Er muss halt zivilisiert geführt werden, ohne Hass. Spott ist erlaubt. Müssen gute Kolumnen kurz sein oder können sie auch eine halbe Seite füllen? Kolumnen sollten nicht weitschweifig sein. Wie erklären Sie sich die immer stärkere Stellung von Kolumnen in Zeitungen und Zeitschriften? Kolumnen sind, im Falle des Gelingens, unterhaltsam. Die Printmedien sind nicht mehr primär Überbringer von Nachrichten, also müssen sie etwas anderes bieten. Und Kolumnen laden zur Identifikation ein. Ein Kolumnist zeigt sich, als Mensch, man darf ihn mögen oder verabscheuen. Beides motiviert zum Lesen. Und worauf führen Sie den Erfolg Ihrer eigenen Kolumne zurück? Was ist Ihre USP? Was schätzen die Medienkonsumenten an Ihren Texten besonders und was unterscheidet diese von anderen? Ich hoffe sehr, dass ich als einigermassen ehrlich wahrgenommen werde. Ich verschweige weder meine Defizite noch meine Zweifel noch meine Krisen. Ich versuche nicht, den grossen Zampano zu spielen. Eine eitle Kolumne will kein Mensch lesen. Ausserdem habe ich nicht den Drang, im Mainstream zu schwimmen oder immer politisch korrekt zu sein. Wobei ich politische Korrektheit nicht grundsätzlich ablehne. Man sollte schon freundlich und anständig miteinander umgehen. Meistens jedenfalls. Spott ist, wie gesagt, erlaubt.
Interview mit Hans Rauscher
Wann und wo schreiben Sie Ihre Kolumne meistens? Etwa zu 50 Prozent im Büro des STANDARD, 30 Prozent zu Hause, 20 Prozent auf Reisen. Woher holen Sie die Inspirationen für die regelmäßigen Kolumnen? Unablässiges Scannen von Zeitungen, Rundfunk, TV, sozialen Medien, Gespräche mit politischem Personal, Beobachtungen im Alltag. Auf welche Ihrer Kolumnen hatten Sie die heftigsten Reaktionen, mit welchem Thema haben Sie die Erregung am stärksten getroffen? Beim STANDARD-online gibt es die Leser-Kommentare unter den Artikeln («Postings»), insgesamt bis zu 40.000 pro Tag. Da sind 2000 Postings unter einer meiner Kolumnen nicht selten, zuletzt kamen «Gerechtigkeit für Sebastian Kurz» und «FPÖ: Diese Partei hat in einer Regierung nichts verloren» auf rund 1500 Postings. Alles, was mit «Rechtspopulismus» zu tun hat, kommt auf hohe Werte. Aber auch Alltagsthemen wie «Kampf Raucher/Nichtraucher» vor etwa 10 Jahren und «ahem, Hundekot in Wien» kamen auf jeweils bis zu 1000 Postings. Absolut den höchsten Erregungsfaktor hat alles, was mit Islam und muslimischer Zuwanderung zu tun hat (überwiegend negativ). Die höchste Anzahl von Postings hatte ich allerdings vor einigen Jahren, nicht bei einer Kolumne, sondern bei einem Video-Interview für derstandard.at mit einer kopftuchtragenden, streng verschleierten Kandidatin für den Wiener Gemeinderat: fast 7000 Postings, fast alle negativ. Setzen Sie Social Media zur Verbreitung Ihrer Kolumnen ein? Ich nicht, das macht der STANDARD für mich, bzw. verbreiten das Leute auf Twitter. Viele Kolumnisten sind nicht Journalisten, sondern «Quereinsteiger». Haben sie den Journalisten unter den Kolumnisten etwas voraus und wenn ja was? Ich glaube nicht, dass Quereinsteiger, so interessant sie oft auch sind, den berufsmäßigen Journalisten etwas voraus haben. Kolumnist sein ist eine hauptberufliche Tätigkeit. Oft werden ältere Journalisten zu Kolumnisten. Ist das eine Art Altenteil, indem man nicht mehr so viel recherchieren muss und locker vom Hocker alles schreiben kann? Wenn ich mir die bekannteren Kolumnisten vor allem in den USA ansehe, dann fingen die schon recht früh an. Das mit dem Altenteil mag in manchen Fällen stimmen, aber ist nicht typisch. Ich selbst war Wirtschaftsjournalist und politischer Journalist, habe aber schon Glossen auf Seite 1 des «Kurier» mit 31 Jahren geschrieben. Tragen Kolumnen mit ihrer Zuspitzung, ihrer Pointierung und oft auch Provokation zur Polarisierung bei? Mit anderen Worten: vertragen sich Kolumnen mit differenzierten, abgewogenen mittleren Positionen? Differenzierte, abgewogene, mittlere Positionen sind todlangweilig und meist auch nicht themenadäquat. Kolumnen sollen polarisieren. Müssen gute Kolumnen kurz sein oder können sie auch eine halbe Seite füllen? Geht beides. Die kurze Form, wie ich sie überwiegend verwende, ist eine Marke («Einserkastl»), aber ich möchte die längere Form nicht missen, weil man so mit mehr Fakten argumentieren kann. Wie erklären Sie sich die immer stärkere Stellung von Kolumnen in Zeitungen und Zeitschriften? Nur halb unernst gemeint mit dem Sparzwang der Zeitungen. Kolumnisten müssen nicht angestellt werden. Und worauf führen Sie den Erfolg Ihrer eigenen Kolumne zurück? Was ist Ihre USP? Was schätzen die Medienkonsumenten an Ihren Texten besonders und was unterscheidet diese von anderen? Meine USP ist die kurze, zugespitzte, oft scharfe Form mit der Fähigkeit zur Verdichtung. Inhaltlich, dass ich ein bürgerlicher Liberaler in einem strukturell konservativen bis reaktionärem Land bin.
Kolumnisten-Gipfel auf dem Säntis mit Wechsel: Rainer Erlinger ersetzt Jan Fleischhauer
**Aus privaten Gründen kann Jan Fleischhauer nicht am ersten Kolumnisten-Treffen auf dem Säntis teilnehmen. Ersatz ist gefunden: Rainer Erlinger, bekannter langjähriger Kolumnist des SZ-Magazins und Erfolgs-Buchautor, springt ein. ** Jan Fleischhauer kann aus privaten Gründen am 25. Oktober nicht am Kolumnisten- und Slammer-Festival «Kolumination» auf dem Säntis teilnehmen. Seine Stelle wird ein prominenter Buchautor und langjähriger Kolumnist des Magazins der Süddeutschen Zeitung einnehmen: Rainer Erlinger aus Berlin. **Kolumnist zur Alltagsmoral** Rainer Erlinger wurde 1965 in Deggendorf geboren, wo er auch die Schulen und 1984 das Abitur machte. Anschliessend studierte er Humanmedizin und Rechtswissenschaften. Rainer Erlinger arbeitete als Arzt und Rechtsanwalt und veröffentlichte zahlreiche wissenschaftlichen Arbeiten, bevor er Publizist und Autor wurde. Neben seiner langjährigen Tätigkeit als Kolumnist («Gewissensfrage») des SZ-Magazins und beim Rundfunk entstanden auch Rundfunk- und Fernsehbeiträge zu ethischen Fragen. Als Buchautor hat er ebenfalls viel Erfolg – kürzlich erschien sein neuestes Buch «Warum die Wahrheit sagen?». **Moral und Gewissen setzen Grenzen** Neben seiner Kolumnen- und Autor-Tätigkeit ist Rainer Erlinger auch ein gefragter Redner, Moderator und Teilnehmer an Podiumsdiskussionen bei Veranstaltungen zu gesellschaftlichen Themen. Art und Inhalt seiner Kolumnen, so Erlinger gegenüber den Organisatoren der Kolumination, weiche von denjenigen der anderen Kolumination-Teilnehmer ab. Das werfe einige Fragen auf. «Bei einem ersten Nachdenken fällt mir jedoch einiges ein. Hält man sich an den Satz der Ausschreibung „Auch die Moral und das Gewissen setzen uns Grenzen", drehen sich alle meine Kolumnen um Grenzen, handeln im Grunde von nichts anderem als einer Grenzziehung oder Aufdecken ihres Verlaufs,» so Erlinger. **Kolumination – neu- und einzigartig** Die Kolumination mit der historischen, geschriebenen und gesprochenen Kolumne ist neu und einzigartig. Sechs Kolumnisten und drei Slammer treten am 25./26. Oktober auf dem Säntis zu einem vergnügten Lesen, Lauschen und Lachen auf. Mit dem Preis der Kolumination wird der langjährige NZZ am Sonntag-Kolumnist, Beat Kappeler, durch Gerhard Schwarz geehrt. Anmeldungen unter (link: www.kolumination.ch text: www.kolumination.ch)
«Wer sich auf Nachrichten aus zweiter Hand verlässt, ist selber schuld»
Der Ökonom und Kolumnist Beat Kappeler liebt die pointierte Formulierung – er hält Journalisten für tendenziell träge und Politiker für überbewertet. Nun erhält er einen neuen Kolumnistenpreis. Herr Kappeler, Sie haben fast zwanzig Jahre lang jede Woche eine Kolumne geschrieben. Das ist eine ziemliche Leistung in Disziplin und Kreativität. Sagen Sie kurz und knapp: Was macht eine gute Kolumne aus? Sie muss auf den Punkt kommen, und zwar gleich zu Beginn, nicht erst am Ende. In medias res, wie es die Lateiner immer schon wussten. Genau. Was so einfach klingt, gehört aber zum Schwierigsten überhaupt. Der Mensch neigt ja zur Langfädigkeit. Und wer pointiert schreibt, muss seinen Gegenstand kennen, ja beherrschen. Und sonst? Eine Kolumne braucht einen einzigen Gedanken, auf keinen Fall mehr. Und diesen Gedanken muss man auch begründen, einerseits mit Argumenten, anderseits mit Fakten.Alles Abgehobene ist der guten Kolumne abträglich. Was Sie schildern, ist klassisches journalistisches Handwerk. Das Handwerk hält sich nicht leicht, wie Sie wissen. Wie viel Zuspitzung ist erlaubt, erwünscht oder sogar erforderlich? Es ist jede Zuspitzung erlaubt, solange sie den Fakten nicht widerspricht. Nichts Unwahres behaupten, so lautet also die Maxime. Man kann auf beschränktem Raum nicht alle gedanklichen Verästelungen darlegen. Aber man darf nie Falsches behaupten, sonst kratzt man an der eigenen Glaubwürdigkeit. Deshalb sollte man auf jede Form von Pauschalisierung verzichten. Der Satz «Alle Metzger betrügen» ist garantiert falsch. Darin besteht der feine Unterschied zwischen Zuspitzung und Übertreibung – Letztere kippt ins Unwahre. Wir wissen nun, was eine gute Kolumne ausmacht. Was aber zeichnet den guten Kolumnisten aus, der Texte in konstant hoher Qualität produziert? Ich kann nur für mich sprechen: die alltägliche Beobachtung. Man stutzt immer wieder über Dinge – und dieses Stutzen und Staunen sich selbst und damit auch allen anderen potenziellen Lesern plausibel zu machen, das ist die höchste Aufgabe des Kolumnisten. Sie gehen von eigener Anschauung aus oder von Lektüre? Mein Gebiet ist die Ökonomie, und da geht’s zwangsläufig um Lektüre, nicht nur von Buchstaben, sondern auch von Zahlen. Hier ist es ganz wichtig, die Primärquellen zu studieren – wer sich auf Sekundär- und Tertiärnachrichten verlässt, ist selber schuld. Ein Beispiel? Die Migration von Westafrika nach Europa hat wesentlich damit zu tun, dass die Ärmsten der Welt im Euro eingeklemmt sind. Alle Währungen dieser 14 afrikanischen Staaten sind an den Euro angebunden, sie können also nicht abwerten und werden zugleich von Importen aus Europa überschwemmt – sprich: Sie darben. Die ehemalige deutsche Kolonie Kamerun bewegt sich im selben Währungsraum wie ihre ehemalige Kolonialmacht, der Exportweltmeister Deutschland. In der Kolumne stieg ich mit den Berichten über die Läden, Discos und Kapellen im Flüchtlingslager Calais ein; diese Afrikaner sind initiativ, doch im Euro Westafrikas werden sie ausgebremst und migrieren. Die Welt hört nicht immer auf ihre Kolumnisten. Stimmt. Das betrübt mich zuweilen, das gebe ich zu. Karl Kraus, der grosse Aphoristiker, hat einmal geschrieben: «Die Vorsehung einer gottlosen Zeit ist die Presse, und sie hat sogar den Glauben an eine Allwissenheit und Allgegenwart zur Überzeugung erhoben.» Ist es denn nicht gut, wenn die Leser nicht immer auf die Presse hören oder wenigstens eine Grundskepsis gegenüber der schreibenden Zunft bewahren? Doch, schon. Skepsis ist immer gut. Und vieles, was täglich produziert wird, ist ja auch halbgar. Ich lese im deutschsprachigen Raum im Regelfall auch nur die NZZ und sonst angelsächsische Medien wie die «Financial Times». Am liebsten aber sind mir Originalverlautbarungen von Notenbankern oder Bilanzen von Unternehmen. Warum? Weil Originalquellen mich weiterbringen. Viele Journalisten kreisen um Themen ihresgleichen. Wenn eine Kolumne Unerwartetes aufgreift, wirkt sie vielleicht umständlich, muss die Fakten erst aufbringen. Nehmen Sie den Brexit. Die allerallermeisten Medien sind vehement dagegen, weil sie ihn moralisch verurteilen. Dabei geht’s doch wirklich nicht um Moral. Da halte ich mich lieber draussen und bilde mir meine eigene, ökonomisch begründete Meinung. Misstrauen Sie den Medien? Nein, so weit würde ich nicht gehen, das ist mir zu pauschal. Aber ich halte es wie Sie mit den Lateinern: ad fontes! Denn Meinungen sind billig zu produzieren, die kann jeder formulieren – ohne Begründung. Ich habe mich in meinen Kolumnen stets auf den Gedanken konzentriert und nicht darauf geschaut, wie er womöglich bei den Lesern ankommt. Das kann ich auch gar nicht wissen – wer schreibt, um den Zuspruch bestimmter Leser zu bekommen, bleibt oft allein. Die Leser laufen oft nicht mit . . . Ein Beispiel auch hier? Nehmen wir die AHV-Reform in der Schweiz. Sie leidet dreifach, unter Lebenserwartung, Kinderlosigkeit und schwachem Wirtschaftswachstum. Ich habe das schwedische Formelverfahren beschrieben: Da geht’s nicht um links oder rechts, sondern um Vernunft und Mathematik. Die Renten werden leicht angepasst, auf der Basis einer Formel, die sich aus dem Bruttoinlandprodukt der Vorjahre und dem Altersquotienten der Gegenwart und der Zukunft zusammensetzt. Ich habe mich bei schwedischen Spitzenbeamten erkundigt, Dokumente gelesen, wie das System läuft. Die ganze Geschichte ist ja wirklich keine Hexerei – aber die meisten Schweizer Politiker und viele Journalisten eiern lieber herum, weil sie anderes gar nicht erforschen. Das ist zu einfach. Die Lateiner wussten: Mundus vult decipi, ergo decipiatur – die Welt will betrogen sein, also betrügen wir sie! Die Frage ist – wer ist die Welt? Die meisten Leute wollen nicht betrogen sein, weil sie ja die Zeche am Ende bezahlen. Sie hoffen, dass andere die Zeche begleichen. Nein. Ich orte den Fehler eher bei den Medien und Politikern als bei den Bürgern: Sie sind träge, manchmal feige, und sie kennen die Fakten nicht. Sie sind ein Vertreter liberaler Publizistik. Damit sind Sie die Ausnahme, nicht die Regel. Haben Sie in all den Jahren viel Feedback auf Ihre pointierten Texte erhalten? Nicht besonders viel. Aber das ist nun einmal so. Ich weiss noch, wie das früher war, in meiner Zeit als Gewerkschaftssekretär. In der Blütezeit hatten wir 440 000 Mitglieder, aber wenn da einmal in einer Woche drei Briefe eintrafen, deren Verfasser auf einen unserer Vorstösse reagierten, dann gab’s gleich ein Sitzungstraktandum. Der Kolumnist lebt einsam. Er ist gesellig, aber er schreibt allein und still in seinem Kämmerlein. Hätten Sie gerne mehr Austausch mit Ihren zweifellos vielen Lesern gehabt? Den hatte ich schon, aufgrund meiner Vortragstätigkeit. Ich habe jeweils die Gelegenheit genutzt, um Thesen und Themen zu testen. Es braucht beides: die unabhängige Reflexion und die lebendige Diskussion. Dann sagen Sie uns zum Schluss – wie ticken denn die Schweizer? Fleissig, aufrichtig und enttäuscht darüber, dass die Politik so abgehoben ist. Come on, das ist ein Klischee. Nein. Journalisten behaupten, das sei ein Klischee – aber das zu behaupten, ist ein Klischee. Vielleicht kamen Leute mit ähnlichem Hintergrund an Ihre Vorträge. Durchaus. Aber in einer Demokratie gelten nur jene, die sich beteiligen. Sie idealisieren die Schweiz. Viele sind träge, kultivieren eine Anspruchshaltung und hoffen darauf, dass andere für sie bezahlen. Nein, nein, nein! Die Schweizer sind fleissig. Und das vielleicht grösste Wunder, dass sie vollbracht haben, besteht in Folgendem: Sie haben all die Zuwanderer – und man muss hier wirklich von einer Massenimmigration über die letzten Jahrzehnte reden – so integriert, dass auch diese die Ordnung, die Gesetze einhalten. Der republikanische Geist weht – das ist eine grossartige Leistung, darauf können wir wirklich stolz sein. Interview: René Scheu
Interview mit Christian Kreis
Wann und wo schreiben Sie Ihre Texte meistens? Von 14 Uhr, kurz nach dem Frühstück, bis 21 Uhr an meinem Schreibtisch. Woher holen Sie die Inspirationen für Ihre Texte? Von überall her. Und Widersprüche finde ich besonders inspirierend. Auf welche Ihrer Texte hatten Sie die heftigsten Reaktionen, mit welchem Thema haben Sie die Erregung am stärksten getroffen? Ich veröffentliche jetzt seit neun Jahren Kolumnen und habe noch keinen Shitstorm abbekommen. Das ist im Grunde sehr traurig. Wahrscheinlich beleidige ich nicht gut genug, obwohl ich es immer wieder versuche. Ausgenommen beim Thema «Mutter», da hat sich tatsächlich mal eine Frau bei mir beschwert, weil ich über sie geschrieben habe. Als Poetryslammer wiederum trete ich ja leider nicht vor Neonazis auf. Dort würden zum Beispiel Texte, die gegen Rassismus sind und für Feminismus plädieren, auf viel heftigere Reaktionen treffen als vor einem Publikum, das ohnehin davon überzeugt ist. Aber das hat sich aus gesundheitlichen Gründen nicht durchgesetzt. Setzen Sie Social Media zur Verbreitung Ihrer Texte ein? Ja. Das haben bisher nur nicht genug Leute mitbekommen. Trägt Slam Poetry mit ihrer Zuspitzung, ihrer Pointierung und oft auch Provokation zur Polarisierung bei? Mit anderen Worten: verträgt sich Slam Poetry mit differenzierten, abgewogenen mittleren Positionen? Nun würde ich nicht soweit gehen, der Slam Poetry eine Schuld an der Polarisierung in der Gesellschaft zu geben. Sicherlich, auch auf einem Poetry-Slam kommen politische Themen zur Sprache, und wenn, dann sind es, nach meiner Wahrnehmung, eher linke, progressiv feministische, antikapitalistische Positionen, die natürlich mit Verve vorgetragen werden. Würde man daraufhin im besonnenen Tonfall eines Regierungssprechers beispielsweise das für und wider des Braunkohletagebaues auf der Bühne erörtern, hätte man vermutlich nicht die besten Chancen, ins Finale einzuziehen. Müssen gute Slam-Texte kurz sein oder können sie auch länger sein? Gute Slam-Texte können sogar eine halbe Stunde lang sein, sie werden vom Moderator allerdings nach 6 Minuten abgebrochen. Wie erklären Sie sich den Erfolg von Poetry Slam? Ich erkläre mir den Erfolg damit, dass Poetry Slam – bei aller linksprogressiven Message der meisten Slammer und Slammerinnen – für die kapitalistisch geprägte Gesellschaft ein ideal angepasstes Bühnenformat ist, um sowas wie Literatur (im weitesten Sinne) zu verkaufen. Der Wettbewerb erzeugt Spannung und das Publikum darf richten. Das hat sich auch bei «Deutschland sucht den Superstar» bewährt. Survival of the best performer. Die Veranstaltung wird als «Event» beworben und in Szene gesetzt. Die wirkmächtigsten ästhetischen Mittel des Humors, des Pathos und der Gefühlsdeklamation werden angewendet. Dabei hoch abwechslungsreich, weil bis zu zehn Personen an einem Abend auftreten. Dazu wird die Aufmerksamkeitsspanne des oft jüngeren Publikums durch die strenge Zeitbegrenzung nicht überstrapaziert. Und worauf führen Sie den Erfolg Ihrer eigenen Texte zurück? Was schätzen die Teilnehmenden an Ihren Texten besonders und was unterscheidet diese von anderen? Ist das eine Fangfrage für Narzissten? Spontan würde ich antworten, dass der Erfolg meiner Texte an meinem Genie liegt. Wenn ich aber darüber nachdenke, dann habe ich, falls überhaupt, nur dann Erfolg, wenn ich so viele Pointen wie möglich in einem Text unterbringen kann, was nicht oft gelingt. Und dann fliege ich in der Vorrunde raus. Ich sage das völlig frei von Gekränktheit. Die jungen Menschen haben in ihrer Rolle als Publikum bloß mal wieder völlig versagt. Pathos und Gefühl kann ich wiederum nicht so authentisch inszenieren, damit das Publikum mir glaubt, wenn ich ihm erzähle, dass mein Teddybär heftig missbraucht worden ist. Insofern unterscheide ich mich überhaupt nicht von denen, die auf der Bühne Humor als Dominante des Textes einsetzen. Ein Unterschied besteht vielleicht darin, dass meine Texte erst für das Kolumnenformat geschrieben werden, bevor ich sie dann auch – wenn sie mir dafür geeignet erscheinen – auf der Slam-Bühne lese.
Interview mit Doris Knecht
Wann und wo schreiben Sie Ihre Kolumne meistens? Zuhause am Esstisch oder im Bett. Woher holen Sie die Inspirationen für die regelmäßigen Kolumnen? Ich passe auf, höre meinen Freundinnen und Freunden zu, inhaliere Gegenwart und sauge das Internet ein, durch das bei mir auch viele internationale Medien fließen. Auf welche Ihrer Kolumnen hatten Sie die heftigsten Reaktionen, mit welchem Thema haben Sie die Erregung am stärksten getroffen? Ich habe schon über 3000 Kolumnen geschrieben und darauf immer wieder heftige Reaktionen. Worauf sehr stark reagiert wurde: eine Kolumne im „Falter“, in der ich beschrieb, wie die Polizei die Tür einer kleinen Wohnung, die mir gehört, eintrat, um eine syrische Flüchtlingsfrau, die dort wohnte, zu verhaften. Setzen Sie Social Media zur Verbreitung Ihrer Kolumnen ein? Häufig, aber nicht immer. Viele Kolumnisten sind nicht Journalisten, sondern „Quereinsteiger“. Haben sie den Journalisten unter den Kolumnisten etwas voraus und wenn ja was? Ich glaube nicht. Journalistinnen haben ihr Handwerk gelernt und können recherchieren, das schadet auch einer Kolumne nicht. Oft werden ältere Journalisten zu Kolumnisten. Ist das eine Art Altenteil, indem man nicht mehr so viel recherchieren muss und locker vom Hocker alles schreiben kann? Wahrscheinlich. Ich habe schon Mitte 20 mit dem Kolumnieren und Kommentieren angefangen. Tragen Kolumnen mit ihrer Zuspitzung, ihrer Pointierung und oft auch Provokation zur Polarisierung bei? Mit anderen Worten: vertragen sich Kolumnen mit differenzierten, abgewogenen mittleren Positionen? Sie können harmonieren, müssen aber nicht. Müssen gute Kolumnen kurz sein oder können sie auch eine halbe Seite füllen? Meine Lieblingslänge sind 2500 bis 3000 Zeichen, ich finde, das reicht völlig, um eine Geschichte zu erzählen. Kürzer schreibe ich aber auch gern. Wie erklären Sie sich die immer stärkere Stellung von Kolumnen in Zeitungen und Zeitschriften? Die Leserinnen haben gern klare Unterstützung bei der Meinungsbildung. Sie wollen Haltung, Kolumnen bieten ihnen das. Und worauf führen Sie den Erfolg Ihrer eigenen Kolumne zurück? Was ist Ihre USP? Was schätzen die Medienkonsumenten an Ihren Texten besonders und was unterscheidet diese von anderen? Ich habe Humor und Haltung, und ich riskiere immer wieder etwas, das sich andere nicht trauen. Aber vor allem ist mein kolumnistisches, literarisches Ich nicht perfekter als meine Leserinnen, ganz im Gegenteil. Ich lasse die Leute dabei zusehen, wie ich immer wieder am Alltag scheitere, und ich glaube, das mögen sie.
Interview mit Katja Früh
Wann und wo schreiben Sie Ihre Kolumne meistens? Im Bett oder im Café oder am Küchentisch Woher holen Sie die Inspirationen für die regelmäßigen Kolumnen? Oft im letzten Moment. Der Druck inspiriert, man öffnet die Augen. Aber auch aus Gesprächen, Zeitungen und vor allem aus dem eigenen Leben. Was beschäftigt mich gerade... Auf welche Ihrer Kolumnen hatten Sie die heftigsten Reaktionen, mit welchem Thema haben Sie die Erregung am stärksten getroffen? Wenn sie sehr persönlich sind und sehr ehrlich. Ratschläge an meinen Enkel zum Beispiel. Aber auch das fiktive Tagebuch der Melania Trump stösst auf Echo. Setzen Sie Social Media zur Verbreitung Ihrer Kolumnen ein? Nein Viele Kolumnisten sind nicht Journalisten, sondern „Quereinsteiger“. Haben sie den Journalisten unter den Kolumnisten etwas voraus und wenn ja was? Das glaube ich nicht unbedingt. Oft werden ältere Journalisten zu Kolumnisten. Ist das eine Art Altenteil, indem man nicht mehr so viel recherchieren muss und locker vom Hocker alles schreiben kann? So locker vom Hocker ist ja oft gar nicht. Aber Lebenserfahrung ist für das Schreiben zumindest nicht hinderlich. Ich kenne aber genauso viel junge Kolumnisten, die sehr interessant und witzig sind. Tragen Kolumnen mit ihrer Zuspitzung, ihrer Pointierung und oft auch Provokation zur Polarisierung bei? Mit anderen Worten: vertragen sich Kolumnen mit differenzierten, abgewogenen mittleren Positionen? Aber ja. Die kurze Form erlaubt genauso differenziertes Denken, vielleicht sogar noch mehr. Und die Zuspitzung ist ja nur eine Form sich auszudrücken, es gibt noch viele andere. Müssen gute Kolumnen kurz sein oder können sie auch eine halbe Seite füllen? Wenn das Thema es verlangt, kann die Kolumne auch länger sein. Aber es hat schon seinen Reiz in Kürze etwas genau zu formulieren. Wie erklären Sie sich die immer stärkere Stellung von Kolumnen in Zeitungen und Zeitschriften? Ja vielleicht auch in der Kürze. Das liegt in der Zeit. Bücher mit kurzen Kapiteln verkaufen sich heute viel besser. Länge wird mit Langweiligkeit verwechselt, so schade das ist. Und worauf führen Sie den Erfolg Ihrer eigenen Kolumne zurück? Was ist Ihre USP? Was schätzen die Medienkonsumenten an Ihren Texten besonders und was unterscheidet diese von anderen? Die Leute sagen mir oft, dass ich ihnen aus dem Herzen spreche. Das ist zwar etwas kitschig, aber übersetzt könnte es heissen, dass ich etwas formuliere was sie vielleicht auch schon gedacht haben, es aber nicht ausdrücken konnten. Meine Ironie wird auch geschätzt, wenn auch nicht von allen. Die Einfachheit, das Alltägliche. Aber es ist schwierig das selbst einzuschätzen.
Interview mit Jan Fleischhauer
Wann und wo schreiben Sie Ihre Kolumne meistens? Vorwiegend im Büro. Zuhause verlottert man. Woher holen Sie die Inspirationen für die regelmäßigen Kolumnen? Twitter, die «taz», Martenstein – in der Reihenfolge. Auf welche Ihrer Kolumnen hatten Sie die heftigsten Reaktionen, mit welchem Thema haben Sie die Erregung am stärksten getroffen? Mein Überraschungs-Quotenhit in diesem Jahr: „Bürger, fahrt schwarz!“, eine Aufforderung zur Notwehr im Nahverkehr. Setzen Sie Social Media zur Verbreitung Ihrer Kolumnen ein? Ich profitiere sehr vom masochistischen Lesen, also dem Lesen wider Willen beziehungsweise der eigenen Überzeugung. Daher: ja, absolut. Gibt es einen besseren Weg als Twitter, um auch die Leute aufzuscheuchen, die kein «Focus»-Abo haben? Viele Kolumnisten sind nicht Journalisten, sondern „Quereinsteiger“. Haben sie den Journalisten unter den Kolumnisten etwas voraus und wenn ja was? Ist das so? Die meisten Kolumnisten, die ich lese, sind Journalisten und waren das auch immer schon. God bless their souls. Oft werden ältere Journalisten zu Kolumnisten. Ist das eine Art Altenteil, indem man nicht mehr so viel recherchieren muss und locker vom Hocker alles schreiben kann? Vielleicht traut man sich im Alter mehr. Entscheidend ist ja als Kolumnist nicht, dass man gemocht, sondern, dass man gelesen wird. Wer von seinen Kollegen geliebt werden will, hat nach meiner Meinung den Beruf verfehlt. Tragen Kolumnen mit ihrer Zuspitzung, ihrer Pointierung und oft auch Provokation zur Polarisierung bei? Mit anderen Worten: vertragen sich Kolumnen mit differenzierten, abgewogenen mittleren Positionen? Sagen wir es so: Die großen Vorbilder – Kraus, Tucholsky, der fabelhafte Anton Kuh – haben sich ihren Namen nicht durch übergroße Abgewogenheit gemacht. Müssen gute Kolumnen kurz sein oder können sie auch eine halbe Seite füllen? Eine Kolumne lebt von der Arabeske, dem Umweg zum Ziel, deshalb ist die Kürze hier kein Qualitätskriterium. Wie erklären Sie sich die immer stärkere Stellung von Kolumnen in Zeitungen und Zeitschriften? Ich habe dafür keine Erklärung, ich habe nur Vermutungen. Und worauf führen Sie den Erfolg Ihrer eigenen Kolumne zurück? Was ist Ihre USP? Was schätzen die Medienkonsumenten an Ihren Texten besonders und was unterscheidet diese von anderen? Ich besitze ein gewisses Talent zur Boshaftigkeit. Die Kolumnisterei verschafft mir die Gelegenheit, dieses offen auszuleben. Glücklicherweise gibt es eine Reihe von Lesern, die mein Spezialtalent schätzen und deshalb jede Woche den «Schwarzen Kanal» einschalten.
CFA Franc – 2015
Kolumne von Beat Kappeler, 2015 Das Flüchtlingscamp in Calais hat eine kleine Sensation hervorgebracht. Nicht der tägliche Ausbruchsversuch ist bemerkenswert, sondern echte „Volkswirtschaft“ die keimt und blüht. Ein kurzes Video der Finanzagentur Bloomberg zeigte diese Woche, wie sich die Afrikaner in Calais selbst organisieren. Das Camp zählt schon mehrere Restaurants, ein Haus der Spiele, eine Sanitätsstelle und einige Discos. Der Afrikaner, der durchs Video führt, insistiert: echtes, flackerndes „Disco light“ sei installiert. Auch eine Kirche entstand, mit süsslichem Herz-Jesu-Bild, der übliche nordische Typ mit blauen Augen. Das alles wurde aus Abfällen, Spenden, aus Zusammengebetteltem von den jungen Afrikanern aufgebaut. Sie können es also, sie wollen es. Aber warum geht das nicht in Senegal, Mali, Kamerun? Denn Millionen sind aus Westafrika geflüchtet, jene Länder haben sich recht eigentlich entleert. Das geht momentan wegen der eritreischen und syrischen Flüchtlinge unter, aber der eigentliche, jahrelange Flüchtlingsstrom kommt über die Wüstenpfade aus Westafrika. Senegal verlor etwa eine Million von 12,7 Millionen Einwohnern, Mali 3 von 14 Millionen, die Elfenbeinküste 1,5 Millionen von 20 Millionen, der Kongo viele Millionen. Statistisch gezählt wird kaum mehr, denn es geniert die Regierenden ziemlich. Andererseits haben sie sich mit den anderswo verdienenden Emigrantenheeren arrangiert, denn diese Länder beziehen nun schon 10 bis 30% des Sozialprodukts aus Rücküberweisungen. Wie bequem für die Regierungen, wie beruhigend für die verbleibenden Älteren, und welch ein Anreiz für Junge abzuhauen. Denn in Westafrika ist kein Auskommen, und auch dafür ist der Euro schuld. Besser gesagt, die Anbindung der 14 westafrikanischen Länder seit 1960 zuerst an den französischen Franc, dann an den Euro. Vierzehnmal Griechenland, mit einem zu hohen Aussenkurs, mit erzwungener interner Abwertung, ohne Konkurrenzfähigkeit gegenüber der Welt, gegenüber den abwertenden Dollar-Ökonomien Asiens. Und das seit 55 Jahren! Und ohne 270 Milliarden Hilfe pro 11 Millionen Einwohner. Die Ökonomie dahinter ist unschwer erkennbar. Die Exporte sind stark behindert, vor allem was industriell verarbeitet werden könnte. So gehen die rohen Säcke Kaffee, Kakao, Erdnüsse, Baumwolle ohne weitere Wertschöpfung weg. Die Importe aus Frankreich, aus Europa hingegen sind verführerisch billig, sogar Nahrungsmittel für die Mittelschichten. Aber auch der ganze Luxus für die Oberschicht ist erschwinglich. Den Bauern vom Land bleibt nur, in die Städte zu ziehen und von Almosen zu leben – oder auszuwandern. Sodann kann die Oberschicht ihre Gelder seit 55 Jahren zu Höchstkursen nach Paris senden. Frankreich, und dahinter die Euroregion, betreiben abstossendsten Neokolonialismus, und niemand schaut hin. Man kann im Internet die devot salbadernden Konferenzen westafrikanischer Präsidenten, Minister und Professoren verfolgen, wo eine Abwertung dieses CFA-Franc erwähnt und sofort abgelehnt wird. Immerhin wagte eine Studie der afrikanischen Entwicklungsbank festzustellen, der CFA-Franc sei überbewertet und ein System geregelter Kursanpassungen wäre besser. Dagegen wird immer das Schreckbild der Abwertung dieses Franc um 50% in einer Januarnacht 1994 durch einen Federstrich des französischen Finanzministeriums angeführt. Die Importpreise verdoppelten sich über Nacht. Verschwiegen wird, dass ein Exportboom sondergleichen folgte. Er verebbte, weil Reformen ausblieben, und niemand so frei wie im Lager von Calais Firmen gründen und führen durfte. Man erinnert sich: der nordafrikanische Frühling wurde ausgelöst durch einen tunesischen Orangenverkäufer, der keine Bewilligung bekam und sich anzündete. Alle diese Regimes sind verhockte Bürokratien, die Akademiker sitzen in Regierungsbüros, draussen herrschen die Stammesälteren. Der Westen sendet ein bisschen Entwicklungshilfe, lässt aber die Regierenden im faulen Frieden. Ebenso dulden alle Staaten das Regime in Eritrea seit 1993, das die Jungen zwangsrekrutiert, weniger für den Kampf, sondern für durchschnittlich über sechs Jahre Zwangsarbeit an Strassen, Bewässerungen. Aber die Friedhofsruhe einer Diktatur an der Zufahrt zum Suezkanal ist natürlich wichtiger. Dieser jetzt erweiterte Suezkanal wurde offenbar von Militärfirmen Ägyptens mitgebaut, und das Militär zwingt seine Rekruten oft zur Arbeit in seinen Fabriken. In Niger schätzte 2005 eine Studie die Sklaven auf 800'000 Personen. Afrika versinkt in Sklaverei aller Schattierungen und entleert sich. Daher gilt es, wie in Griechenland, die sogenannten Strukturen zu ändern, nicht zu helfen. Die Währungsanbindung Westafrikas ist eine dieser versklavenden Strukturen.
Interview mit Nicole Althaus
Wann und wo schreiben Sie Ihre Kolumne meistens? Da wo ich gerade bin. Immer kurz vor dem Abgabetermin. Woher holen Sie die Inspirationen für die regelmäßigen Kolumnen? Gespräche, Beobachtungen, Zeitung, Netz aber vorab aus dem Leben. Auf welche Ihrer Kolumnen hatten Sie die heftigsten Reaktionen, mit welchem Thema haben Sie die Erregung am stärksten getroffen? Frauenstreik, gegen den zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub und die Kolumne mit dem Titel „Ich bin auch eine Quotenfrau“. Oft werden ältere Journalisten zu Kolumnisten. Ist das eine Art Altenteil, indem man nicht mehr so viel recherchieren muss und locker vom Hocker alles schreiben kann? Ich schreib fast alle Artikel lockerer als eine Kolumne. Da muss man sich nicht ausziehen. Tragen Kolumnen mit ihrer Zuspitzung, ihrer Pointierung und oft auch Provokation zur Polarisierung bei? Mit anderen Worten: vertragen sich Kolumnen mit differenzierten, abgewogenen mittleren Positionen? Unbedingt! Müssen gute Kolumnen kurz sein oder können sie auch eine halbe Seite füllen? Zu viel Platz fördert das Schwadronieren, zu wenig Platz das Durschschummeln. Wie erklären Sie sich die immer stärkere Stellung von Kolumnen in Zeitungen und Zeitschriften? Kolumnen zeigen den Menschen hinter dem Text. Sie sorgen für Nähe und im besten Fall sprengen Sie die Meinungsbildung in der Haltungs-Blase, die auch eine Zeitung bedient. Und worauf führen Sie den Erfolg Ihrer eigenen Kolumne zurück? Was ist Ihre USP? Was schätzen die Medienkonsumenten an Ihren Texten besonders und was unterscheidet diese von anderen? Ich bin nicht berechenbar. Und ich habe keine Angst mehr vor Shitstorms.
Über schwindende Intelligenz
Kolumne von Harald Marteinstein, ZEITMAGAZIN NR. 32/2018 1. AUGUST 2018 Ich habe eine nachdenklich machende Mail bekommen, auf Englisch. Hier die gekürzte Übersetzung: "Wir sind von der Homeland Security und dem FBI damit beauftragt worden, Sie wegen Geldwäsche und Terrorismus zu verfolgen. Die Indizien sind überwältigend. Innerhalb von 72 Stunden werden Sie verhaftet. Sie können der Verhaftung entgehen, indem Sie 66 Dollar mit Western Union an die folgende Adresse überweisen." Der Geldeinzieher des FBI wohnt in Cotonou, Republik Benin. Wenn solche Mails völlig erfolglos blieben, dann würde sich keiner mehr die Mühe machen, sie zu versenden. Ich habe mich gefragt, wer so dumm ist, dass er darauf hereinfällt. Ein Mensch, der so dumm ist, kann doch unmöglich die intellektuellen Herausforderungen einer Geldüberweisung bewältigen. Ist nicht auch die Dummheit ein Wunder der Schöpfung? Auch die Dummheit bringt Staunenswertes hervor. In Europa sinkt seit den Neunzigerjahren der durchschnittliche Intelligenzquotient. Über das Tempo gibt es unterschiedliche Angaben, die, je nach Studie, von zehn bis zwanzig Punkte pro Jahrzehnt reichen. Der britische Ethnologe Edward Dutton checkt regelmäßig den IQ skandinavischer Wehrpflichtiger, der bei der Musterung ermittelt wird und so zuverlässig abschmilzt wie die Gletscher in den Alpen. Es scheint ein länderübergreifendes europäisches Phänomen zu sein, das mittlerweile gut belegt ist, aber für deutlich weniger Unruhe sorgt als der Klimawandel. Man weiß auch nicht so recht, was man dagegen tun könnte. Was ist die Ursache? Ich habe etliche Theorien gefunden. Manche behaupten, das Sinken des IQ sei eine Folge der Chemikalie PCB, andere halten das Phänomen für eine Folge des Jodmangels oder aber eine Begleiterscheinung der Überalterung, was für die skandinavischen Wehrpflichtigen sicher nicht zutrifft. Rechte machen gern den Islam und die Migration für den sinkenden IQ verantwortlich. Die Theorie, dass der Intelligenzschwund eine Nebenwirkung des Pestizideinsatzes in der Landwirtschaft ist, dürfte dagegen eher bei Anhängern der Grünen auf Zustimmung stoßen. Ich vermute, dass Oskar Lafontaine den sinkenden IQ relativ einleuchtend aus dem US-Imperialismus ableiten kann. Und wenn man Wladimir Putin mitten in der Nacht weckt und fragt: "Warum werden die Leute immer dümmer?", dann sagt er garantiert: "Es liegt an den Schwulen." Ich dagegen würde sagen: "Die Schulen werden immer schlechter. Es sind die Bildungsreformen." Eine andere Denkschule kritisiert einfach den IQ-Test. Der Test sage nichts über echte Intelligenz aus. Man müsste demnach so lange an dem Test herumfummeln, bis er wieder wunschgemäß funktioniert und, wie noch in den Achtzigerjahren, eine stetig steigende Intelligenz anzeigt. Dann wäre das Problem gelöst. Andere sagen, dass "Intelligenz", ähnlich wie "Geschlecht", nur ein soziales Konstrukt sei, also gar nicht existiere und folglich auch nicht sinken könne. In eine ähnliche Richtung geht der Vorschlag, in Zukunft lieber die "emotionale Intelligenz" zu messen. Da kann man nur hoffen, dass die nicht auch sinkt. Indizien dafür sehe ich. In Wirklichkeit muss man sich über den sinkenden IQ keine Sorgen machen. Ein Dummer weiß nämlich nie, dass er dumm ist. Um seine Dummheit zu erkennen, bräuchte er ja Intelligenz. Der Satz "Ich bin dumm" kann folglich nur von einem halbwegs intelligenten Menschen gesagt werden. Das heißt, bei stetig sinkender Intelligenz löst sich das Problem irgendwann von alleine, weil alle sich für klug halten und mit sich selber total zufrieden sind.
Demokratie wird ohnehin überschätzt
Kolumne von Jan Fleischhauer im Speigel vom 11.04.2019 **Der Aufschub beim Brexit bedeutet nur eine Verlängerung der Qualen. Den Briten bleibt noch ein Ausweg: Ihre Majestät, die Königin, zieht die Entscheidungsgewalt an sich.** Der "Guardian" hat mir eine Mail geschickt. "Hi Jan, ich weiß nicht, wie genau Sie Großbritanniens surreal komplizierten, nervenaufreibenden Weg in Richtung Brexit verfolgt haben", schrieb mir Julian Coman vom Meinungsressort. "Es wäre toll, wenn Sie einen Artikel schreiben könnten, wie das Ganze aus deutscher Sicht aussieht." "Es gibt zwei Dinge, die man niemals ausschlagen sollte: Sex und die Chance, im Fernsehen aufzutreten", hat Gore Vidal einmal gesagt. Außer Sex und TV-Zugang gibt es für einen Deutschen ein weiteres Angebot, das er nicht ablehnen kann: Die Gelegenheit, in einem britischen Vorzeigeblatt seine Meinung über den Brexit auszubreiten. Endlich die Chance, sich für 70 Jahre Witze über die Hunnen, den Blitzkrieg und die deutsche Unfähigkeit zum Humor zu revanchieren! Das Problem ist nur: Kommt das Angebot nicht zu spät? Ich fürchte, wir sind an dem Punkt angelangt, wo sich Hohn und Spott verbieten. Die einzig angemessene Reaktion auf die britischen Bemühungen, den Ausgang zu finden, scheint mir Beileid zu sein. Beileid ist keine gute Basis für Witze. Ich hatte immer den Verdacht, dass es bei den Verhandlungen in Brüssel darum ging, an den Briten ein Exempel zu statuieren. Seht her, das passiert mit Ländern, die unsere wunderbare Gemeinschaft verlassen wollen! Wer wäre auf die Idee gekommen, dass unsere englischen Freunde die Selbstdemontage ganz ohne Zutun aus Brüssel bewerkstelligen würden - und das noch viel radikaler, als sich das selbst der verstockteste EU-Bürokrat ausdenken kann. Die Frist-Verschiebung, die man den armen Briten gewährt hat, bedeutet ja keine Lösung, sondern nur eine Verlängerung der Qual. Man hätte gewarnt sein können, das ist wahr. Ein Volk, bei dem es zu den sexuellen Präferenzen gehört, sich beim Geschlechtsakt eine Plastiktüte über den Kopf zu ziehen, neigt auch im parlamentarischen Alltag zu Handlungen, die nicht immer wohlüberlegt sind. Wenn man so will, ist der Brexit das politische Äquivalent zu einer furchtbar schief gegangenen Form der Selbststrangulierung. Man dachte, es würde gut gehen. Aber dann fehlte plötzlich der Sauerstoff. Es gibt aus meiner Sicht nur eine Lösung: Ihre Majestät, die Königin, muss die Kontrolle übernehmen. Wenn es jemanden gibt, der noch in den schwierigsten Situationen mit Würde agiert, dann Elizabeth II. **Zwei, drei wohlgesetzte Sätze, und der Brexit-Spuk wäre vorbei** Ich meine, die Frau hat Hitler und die V2 überlebt, den "Großen Smog" von 1952 und den "Winter des Missmuts", als die Gewerkschaften das Land lahmlegten und sich der Müll bis zum Dachfirst türmte. Sie hat alles mitgemacht, was das britische Königreich in den vergangen 90 Jahren an Heimsuchungen erlebt hat, ohne ein Wort der Klage oder der Unduldsamkeit. Ich bin sicher, zwei, drei wohlgesetzte Sätze von ihr, und der Brexit-Spuk (oder wie Europaminister Michael Roth sagen würde: "the big shitshow") wäre vorbei. Ich frage mich manchmal, wie die Königin aus ihrem Palast in der City of Westminister wohl die Entwicklung sieht. Als sie geboren wurde, reichte das Britische Empire von Neufundland bis Papua-Neuguinea und umfasste beinah ein Viertel der Weltbevölkerung. Heute ist es eine liebliche Insel inmitten der Nordsee, die in rasender Geschwindigkeit dabei ist, sich in der politischen Bedeutung auf die Größe von Island zuzubewegen. Was mag Elizabeth von Leuten halten, die eben noch die Zukunft in den rosigsten Farben ausmalten und nun nicht mal in der Lage sind, die nächste Woche vorauszuplanen? Jeder Hofstaat kennt den Possenreißer, der zum Amüsement des Publikums seine Narreteien veranstaltet. Aber nie wäre ein König auf die Idee gekommen, dem Narren die Geschicke des Landes anzuvertrauen. Ich weiß, der Königin sind in einer konstitutionellen Monarchie enge Grenzen gesetzt. Aber wenn man John Bercow, den Sprecher des Unterhauses, bitten würde, einmal gründlich nachzusehen, würde er schon eine Regel finden, warum es angezeigt ist, der Königin in diesen Schicksalstagen die Entscheidungsgewalt zu übertragen. Das ist ja der Vorteil, wenn man auf ein paar Jahrhunderte monarchistischer Tradition zurückblicken kann: Irgendwo findet sich immer eine Klausel, die einen legitimiert. Demokratie ist ohnehin eine überschätzte Veranstaltung, machen wir uns nichts vor. Die Wahrheit ist, sie funktioniert nur leidlich, wenn die Zahl der Wähler, die keine Ahnung haben (oder schlimmer noch: die denken, sie hätten welche) am Wahltag nicht zu groß ist. **Eine vorübergehende Rückkehr zur Monarchie wäre ein vernünftiger Schritt** Die meisten Kommentatoren klagen über schlechte Wahlbeteiligungen. Wenn bei einer Wahl mehr Leute zu Hause bleiben als bei der Wahl zuvor, heißt es bei uns gleich, die Demokratie sei in Gefahr. Das genaue Gegenteil ist richtig. Dass unser System relativ stabil ist, verdanken wir auch der Tatsache, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Wählerschaft am Wahltag zu desinteressiert oder zu betrunken ist, um rechtzeitig das Wahllokal zu finden. Wenn alle wählen würden, die wählen dürften, würde es viel öfter zu einem Ereignis wie dem Brexit kommen. Auch deshalb wäre eine vorübergehende Rückkehr zur Monarchie ein vernünftiger Schritt. Die Reaktion von der Insel war interessanterweise durchaus ermutigend. Eine Reihe von Lesern, die meinen Vorschlag im "Guardian" gelesen hatten, lieferte Hinweise, unter welchen Bedingungen die Königin die Entscheidung an sich ziehen darf. "Es lassen sich durchaus Präzedenzfälle für eine Intervention der Krone finden", schrieb mir ein Mr. Ryan, ausweislich seiner Mailsignatur Partner einer großen britischen Anwaltskanzlei. "Obwohl Verfassungsexperten oft sagen, dass ein Handeln der Königin ohne ministerielle Autorität die Monarchie zerstören würde - ist doch absolut klar, dass der Krone die Macht zukommt, in einer außergewöhnlichen Situation wie dem Brexit einzugreifen."
Alles innerhalb der tolerierbaren Grenzen - Doris Knecht
Kolumne von Doris Knecht im Falter Nr. 26/19 vom 26.06.2019 Wieder viel am Land. Es schreibt sich effizienter, wenn es kühl ist und still und man nicht kochen und kümmern und Teenagerwäscheberge ignorieren muss. Es ist nicht zu still: Wald rauscht, Vögel lamentieren, Traktoren rumpeln, Kühe muhen, Hummeln brummen, am Abend zirpen die Grillen, und ein paar Freunde zirpen mit. Und doch ist es ein bisschen zu still: Der letzte Pfau der Horwaths ist den Weg gegangen, den alle Pfaue der Horwaths gegangen sind, er ging dem Fuchs durch den Magen. Ich hab kürzlich in der Cselley-Mühle ein paar alte Pfauengeschichten vorgelesen, wie mich die Horwath-Pfaue mit ihrem Morgenliedchen wachrockten um halb fünf in der Früh. Nie hätte ich gedacht, dass ich das einmal sagen würde, und der Horwath braucht es auch nicht zu wissen, aber der Pfau fehlt mir. Er hatte nicht mal mehr einen Namen, der ichweißnichtwievielte seit Cindy und Bert, den ersten beiden Horwath-Pfauen. Die namenlose Frau vom namenlosen Pfau war auch schon längst gefressen worden, also war dieser Pfau immer allein durchs Dorf spaziert, war von Dach zu Dach geflattert, hatte ein bisschen, aber nicht allzu viel rumgeschrien, es war alles innerhalb der Pfauen zugestandenen Toleranzgrenze, finde ich, auch wenn's einmal geknallt hat, als der Pfau den Nachbarn den verdienten Fernsehabend zerschrien und das Kind geweckt hat. Aber der Pfau spazierte am nächsten Tag wieder herum, verlangsamte auf der Straße die Autos, was nie falsch ist, kam manchmal zu mir in den Garten, pickte in der Wiese herum und schlug hin und wieder ein höchst ansehnliches blaues Rad. Er war eigentlich ein vorbildlicher Pfau. Dann war er weg. Der Horwath hirschte ein paar Mal mit dem Minirad durchs Dorf und die angrenzenden Felder und Waldränder entlang, aber der Pfau wurde nicht mehr gesehen. Unlängst waren die Horwaths und ich beim Rosentag auf der Rosenburg, und alle sind wir bei einem bestimmten Geräusch hochgesprungen: Ah, ein Pfau! Ich sagte, kürzlich habe ich mir eingebildet, dass ich im Dorf einen Pfauenschrei gehört habe, und die Horwathin sagte: Ich auch!, und wir blickten streng den Horwath an, aber er schaute unschuldig und sagte, er weiß von nix, er hat nirgends einen versteckt. Ich weiß jetzt auch, warum die Rosenburg Rosenburg heißt: Der Rosengarten ist in der Tat überwältigend und nirgends ist ein Pfau optisch besser aufgehoben als zwischen englischen Rosen mit Namen wie Lady Emma Hamilton, Getrude Jekyll und William &Catherine. Ich mag Rosen, sie sind ein unkompliziertes, ja masochistisches Gewächs, man füttert es mit Wasser und ein bisschen Dünger, es brüllt nicht herum, und es blüht umso schöner, je brutaler man es zurückschneidet. Die Farben sind manchmal so intensiv, dass es wirkt, als hätte die Natur zu viel Filter über die Blüten gelegt, und das ist alles echt. Ich habe mir eine Ghislaine de Féligonde gekauft, sie wird die Hauswand hochblühen in Weiß und zartem Hellorange, und ein Pfauenrad würde gut damit harmonieren.

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